EU fordert Ende der Schüsse auf Palästinenser

Die EU hat das israelische Besatzungsmilitär aufgefordert, die tödliche Gewalt gegen unbewaffnete Demonstranten zu beenden. Außerdem hat sich der diplomatische Dienst der EU dafür ausgesprochen, die Schüsse des israelischen Militärs bei Protesten entlang der Grenze des Gazastreifens unabhängig untersuchen zu lassen.

Alleine Freitag sind bei den Protesten vier Palästinenser ermordet und rund 450 verletzt worden. Israel hat die Forderung zurückgewiesen. Die Palästinenser protestieren seit Tagen gegen die israelischen Feiern zum 70-jährigen Bestehen ihres Staates.

Marsch der Rückkehr 20.04.2018: Besatzungsarmee ermordet vier Palästinenser

Den vierten Freitag in Folge haben Tausende Palästinenser für ihr Rückkehrrecht demonstriert. Sie zündeten junge Palästinenser Dutzende Autoreifen an und präparierten Hunderte Lenkdrachen. Sie lenkten die Drachen nach Israel –arabischen und hebräischen Botschaften wie:

"Ihr Zionisten: Es gibt keinen Platz für euch in Palästina...
Eure Führungen schickt euch zum Tod oder zur Verhaftung...
Jerusalem ist die Hauptstadt von Palästina".

Israelische Besatzungssoldaten hätten einen 15-Jährigen sowie einen 24-Jährigen und einen 25-Jährigen im Norden des Gazastreifens erschossen, teilten die Gesundheitsbehörden im Gazastreifen mit. Ein 29-jähriger Palästinenser sei im Süden des Gebiets ermordet worden. 450 Palästinenser seien verletzt worden, die Hälfte durch Schüsse der israelischen Besatzungsarmee. Seit Beginn der Proteste wurden damit nach Angaben aus Gaza mindestens 39 Palästinenser ermordet. Hunderte weitere wurden durch Kugeln oder Tränengas verletzt.

Seit dem 1. April versorgte die Organisation Ärzte ohne Grenzen am Rande der Proteste nach eigenen Angaben mehr als 500 Menschen mit Schussverletzungen. Es handele sich um "ungewöhnlich schwere und ernste Verletzungen", erklärte die Organisation.

Die Palästinenserproteste sollen noch bis Mitte Mai andauern. Am 15. Mai jährt sich zum 70. Mal die Nakba (Tag der Katastrophe). An diesem Tag erinnern die Palästinenser an Vertreibung von rund 760.000 Landsleuten, die 1948 auf die Gründung des Staats Israel folgten. Am gleichen Tag soll die US-Botschaft auf Beschluss von US-Präsident Donald Trump von Tel Aviv nach Jerusalem umziehen.

Marsch der Rückkehr: Ein Toter und fast 1000 Verletzte

Es ist der dritte Freitag in Folge, an dem es am Rande des Gazastreifens zu tödlichen Ausschreitungen kommt. Bei dem heutige Marsch der Rückkehr sind am Freitag ein Palästinenser ermordet und mehr als 950 verletzt worden. Ein 28-Jähriger sei an einer Schusswunde im Bauch gestorben, teilte das palästinensische Gesundheitsministerium mit.

Die meisten der Verletzten litten den Angaben zufolge nach dem Einsatz von Tränengas an Atembeschwerden. Rund 200 Palästinenser wurden den Angaben zufolge durch Schüsse verletzt. Das palästinensische Gesundheitsministerium teilte am Freitag mit, ein Sanitäterzelt sei direkt von einer Tränengasgranate getroffen worden, zehn Sanitäter hätten mit Atembeschwerden zu kämpfen gehabt.

Seit Ende März sind entlang der Gaza-Grenze 35 Palästinenser ermordet worden, Hunderte erlitten Schussverletzungen. Anlass des Marsches der Rückkehr, der bis Mitte Mai dauern soll, sind die Feiern zum 70. Jahrestag der NAKBA. Für die Palästinenser bedeutet Israels Freudentag eine Katastrophe, weil 1948 Hunderttausende Palästinenser fliehen mussten oder vertrieben wurden. Forderungen der heute rund fünf Millionen Flüchtlinge und Nachkommen auf ein "Recht auf Rückkehr" in ihre Häuser und Orte, lehnt Israel ab.

Scharfe Kritik nach Tod eines palästinensischen Journalisten

Nach der Ermordung eines palästinensischen Journalisten bei Massenprotesten an der Gaza-Grenze mehren sich die Forderungen nach einer unabhängigen Untersuchung des Vorfalls. Der 30-jährige palästinensische Fotojournalist Jassir Murtaja war am Freitag letzte Woche bei der Berichterstattung über den Marsch der Rückkehr tödlich verletzt worden. Acht Journalisten erlitten nach Angaben des palästinensischen Gesundheitsministeriums Verletzungen.

Reporter ohne Grenzen verurteilte eine unverhältnismäßige Anwendung von Gewalt durch die israelischen Truppen. Die Organisation forderte eine unabhängige Untersuchung dieses Verbrechens gegen die Pressefreiheit. Auch der israelische und der palästinensische Journalistenverband sowie der Auslandspresseverband in Israel forderten eine Prüfung der Umstände von Murtajas Tod.

Nach Angaben des palästinensischen Journalistenverbands trug Murtaja eine Schutzweste mit der Aufschrift «Press» (Presse) und einen Helm, als er eine tödliche Schussverletzung erlitt. Der Vater eines kleinen Kindes betrieb ein Medienunternehmen in Gaza.

Israelische Ex-Scharfschützen drücken "Scham" aus

Fünf ehemalige israelische Scharfschützen drückten in einem offenen Brief "Scham und Trauer" über die Vorfälle an der Gaza-Grenze aus. Die Mitglieder der Organisation Breaking the Silence (Das Schweigen brechen) kritisierten in dem Schreiben "militärische Befehle, die es Scharfschützen erlauben, scharfe Munition auf unbewaffnete Demonstranten zu feuern".

Sie fühlten "Scham über die Befehle, denen es an moralischem und ethischem Urteilsvermögen mangelt, und Trauer über die jungen Soldaten, die - wie wir sehr gut aus eigener Erfahrung wissen - für immer die Szenen mit sich herumtragen werden, die sie durch das Visier ihrer Gewehre gesehen haben".