Waffenruhe in Gaza

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Es ist ruhiger geworden im Gazastreifen seit heute Morgen. Die Drohnen kreisen zwar noch über unser Viertel, stören Mahers Mittagsschlaf, aber es wird nicht mehr bombardiert. "Gott sei Dank finden wir jetzt, nach den vier Wochen der ständigen Explosionen um uns herum endlich wieder etwas Ruhe", sagt Ahmad, 16, der in unserer Straße wohnt. Ruhe, endlich etwas lang ersehnte Ruhe vor Bomben und Raketen, um zumindest für drei Tage so etwas wie den Anschein eines normalen Alltags leben zu können. "Ich kann endlich wieder meine Freunde treffen", freut sich Ahmad, 16, der die Feuerpause nutzt, um auf der Straße vor unserem Haus mit diesen Freunden Fußball zu spielen.

Fußballspielen, eine der normalsten Tätigkeiten auf dieser Welt, war nicht mehr möglich im nicht mehr normalen Leben der 1,8 Millionen Palästinenser im Gazastreifen seitdem die Bombardierung Gazas zu Luft, zu Boden und zu See am 7. Juli begann. Fußballspielen, das war auf einmal etwas Lebensgefährliches geworden, weil man dafür auf die Straße gehen mußte und weil jeder, der sich auf der Straße bewegt, von den Aufklärungsdrohnen der israelischen Luftwaffen eventuell mit Kämpfern der Hamas verwechselt werden könnte. Natürlich versehentlich, wie israelische Armeesprecher nicht müde werden zu betonen. Und obwohl es sich nur um Fußballspielende Knaben handelt. So geschehen Mitte Juli als Bakr, 9, und seine drei Cousins, Ahed, 10, Zakariya, 10, und Mohammad, 11, vor einem mit Journalisten voll besetzten Hotel in Gaza-Stadt von den Bomben der israelischen Streitkräfte getötet wurden während sie am Strand Fußball spielten. "Spätestens seit diesem Vorfall hat die israelische Armee in meinen Augen ihre Unschuld verloren", kommentiert ein eigentlich bis dahin als "pro-Israelisch" bekannter Journalist, der kurz zuvor noch selber mit den Jungs Fußball mitgespielt hatte und die Bombardierung von der Terrasse seines Hotels mit eigenen Augen mitverfolgte. Jetzt, heute aber ist Fußballspielen wieder möglich für die Kinder des Gazastreifens, zumindest für die Kinder, die hier in Gaza-Stadt wohnen. Die 600.000 Binnenvertriebenen jedoch nutzen die Zeit des Rückzugs der israelischen Armee, um in ihre Häuser im zuvor heftig umkämpften Norden und Süden des Gazastreifens zurückzukehren. Dort angekommen schauen sie fassungslos auf das, was von ihren Häusern noch übrig geblieben ist. Zumeist ist es nicht mehr als ein zerfetztes Kleidungsstück, das zwischen den Trümmern feststeckend im Wind hin- und herweht. Trümmer. Trümmer, überall Trümmer, wohin man schaut. Überall liegen Trümmer. Man traut sich ob dieses Anblickes nicht mehr weiter zu atmen. Es zerbricht einem das Herz. Shijaiya, Bureij, Khan Yunis, Rafah, Beit Hanoun, Beit Lakhiya, Nuseirat. Das waren einmal Städte im Gazastreifen, in denen Menschen in Fabriken und in Behörden arbeiteten, in denen Kinder zur Schule gingen. Städte, in denen Menschen in ihren Häusern wohnten. Städte, in denen gläubige Muslime fünf Mal am Tag zum Beten in ihre Moscheen gingen. Das war das Leben von 1,8 Millionen Menschen im Gazastreifen vor dem 7. Juli. Es war kein gutes Leben, denn sie leiden seit acht Jahren unter einem Embargo durch die Staaten Ägypten und Israel. Aber es war ein Leben zumindest mit Wasser, Strom und Telefon. Das alles gibt es nicht mehr seit der totalen Bombardierung des Gazastreifens in der Nacht von dem 28. auf den 29. Juli, als das einzige Elektrizitätskraftwerk des Gazastreifens bombardiert wurde, das Finanzministerium, viele Moscheen, Wohnhäuser und Geschäfte. Eigentlich so wie in jeder Nacht in Gaza zwischen dem 7. Juli und dem 5. August. Nur in dieser Nacht massiv heftiger als sonst. Shijaiya, Bureij, Khan Yunis, Rafah, Beit Hanoun, Beit Lakhiya, Nuseirat. Das waren vor dem 7. Juli Städte, in denen man mehr schlecht als recht leben konnte, aber in denen man zumindest Leben konnte. Jetzt ist in Shijaiya, Bureij, Khan Yunis, Rafah, Beit Hanoun, Beit Lakhiya und Nuseirat kein Leben mehr möglich. Die zivile Infrastruktur dieser Städte ist durch die israelischen Streitkräfte komplett zerstört worden, Straßen sind nicht mehr befahrbar, Brunnen verschüttet, Schulen bombardiert, Strommasten umgekippt. Strommasten, durch die ohnehin kein Strom fließt, solange kein neues Kraftwerk gebaut werden kann.

"Wie lange wird es dauern, bis ihr all die Trümmer, all den Schutt weggeräumt haben werdet", frage ich Maher. "Wohin überhaupt sollen wir denn die Trümmer und den Schutt karren?", entgegnet er mir entgeistert. "Wir haben gar keine freien Flächen im Gazastreifen dafür und auch nicht genug Bagger und Lastwagen, um alles einzusammeln." Dort, wo die meisten Trümmer liegen, in Shijaiya, Bureij, Khan Yunis, Rafah, Beit Hanoun, Beit Lakhiya und Nuseirat, aber auch in vielen anderen Orten des Gazastreifens, dort schaffen heute die Menschen mit ihren eigenen Händen die Trümmer beiseite, ohne Werkzeug, ohne Schaufeln, ohne Handschuhe. Es hat 36 Grad Celsius und der Schweiß vermischt sich mit dem Staub des Schuttes auf ihrer Haut zu einem trockenen Schlamm.

Die Menschen versuchen sich einen Weg zu bahnen durch die Trümmer, um das Ausmaß der gewaltigen Zerstörung zu begreifen und um irgendwie, irgendwann mit einem Neuanfang zu beginnen. "Neu anfangen wofür?", fragt mich Maher, als ich von ihm wissen will, wie lange der Neuanfang dauern werde unter den Bedingungen des Embargos. Durch das Embargo können Zement, Bausteine und Ziegel nur durch Schmugglertunnel in den Gazastreifen kommen. Schmugglertunnel, die jetzt laut Aussagen der israelischen Armeesprecher alle zerstört worden seien. "Wofür sollen wir neuanfangen?", fragt mich Maher müde, dem wie allen hier in Gaza die Erschöpfung infolge schlafloser Bombennächte anzusehen ist. "Damit uns die Israelis in zwei Jahren wieder alles kaputt bombardieren können? Ich habe jetzt schon drei furchtbare Kriege erlebt in den letzten fünf Jahren in Gaza", sagt Maher. "Und jeder Krieg war schlimmer als der vorherige. Und dieses Jahr, das waren die heftigsten Bombardierungen, die ich jemals in meinem Leben erlebt habe. Uns fehlt in diesen ersten Stunden des Verschnaufens noch die Kraft, an den Wiederaufbau zu glauben", erklärt Maher. "Und ohne ein Ende des Embargos und ohne internationalen Druck auf Israel, mit diesen Angriffen auf unsere zivile Infrastruktur aufzuhören, wird ein Wiederaufbau uns auch nicht gelingen", konstertiert Maher.

Zu ähnlichen Einschätzungen wie Maher kommt auch der Gouverneur von Gaza, Abdallah al-Frangi, mit dem ich seit meiner Ankunft im Gazstreifen am 22. Juli im regelmäßigen Kontakt stehe. Al-Frangi ist seit dem 7. Juli Gouverneur von Gaza, seit dem Tag an dem die Bombardierung des Gazastreifens begann. Al-Frangi hat mir heute wieder ein Interview gegeben, obwohl er schon resigniert hat: "Ich habe meine Interviews mit der deutschen Presse eigentlich eingestellt. Es bringt nichts." Aber mit mir spricht er dann doch: "Ich bin nach wie vor sehr erschüttert über das katastrophale Ausmaß der Zerstörungen", so al-Frangi. "Das palästinensische Volk darf man jetzt nicht im Stich lassen bei seinen schweren Bemühungen für den Wiederaufbau. Wir haben über 600.000 Obachlose im Gazastreifen durch die großen Zerstörungen. Wir müssen mit der internationalen Gemeinschaft einen Weg finden aus diesem Desaster."

Gaza-Stadt, am Dienstag, dem 5. August 2014