Die Massaker in Gaza gehen weiter unter den Augen der Weltöffentlichkeit

Heute wurde schon wieder eine Schule bombardiert, diesmal in Rafah. Wie viele Tote es gab, kann noch niemand mit Sicherheit sagen, da viele Tote noch unter den Trümmern der Schule begraben liegen. Seit drei Tagen wird in Rafah bombardiert, die ganze Stadt ist eine Todeszone. Als ich Maher vorschlage nach Rafah zu fahren, meint er, er brauche mich auch in den nächsten Tagen noch lebend, da mit weiteren israelischen Angriffen, Zerstörungen und Flüchtlingen zu rechnen ist. Schon jetzt hat Maher in seinem Haus 62 Menschen aufgenommen, die von der Front im Norden und Süden des Gazastreifens ins Zentrum von Gaza Stadt geflohen sind. Wir leben jetzt zu 72 in einem kleinen Haus, in dem vor dem Krieg zehn Menschen lebten.

Maher und Mitarbeiter der Hilfsorganisation "Islamic Relief" haben sich vier Prioritäten gesetzt, um einem Teil der 200.000 Vertriebenen Nothilfe zu leisten. Priorität hat, die Binnenvertriebenen mit Lebensmitteln und Wasser zu versorgen sowie die gesundheitliche und hygienische Situation der Flüchtlinge zu verbessern. Maher fährt den ganzen Tag mit dem Auto hin und her, um für die Flüchtlinge die benötigte Versorgung heranzuschaffen. Die Vertriebenen sind einfache Leute, die keine Ersparnisse haben, um in einem Hotel zu wohnen, und keine Verwandten in Gaza Stadt haben, bei denen sie unterkommen könnten.

Seit der heftigen Bombardierung unseres Viertels in der Nacht vom 28. auf den 29. Juli (siehe meinen Text "Horrortage und -nächte in Gaza" vom 29. Juli) haben wir keinen Strom, kein Wasser und kein Internet und Telefon mehr. Das einzige Elektrizitätskraftwerk des Gazastreifens wurde bombardiert ebenso wie einige Wohnhäuser in unserer Straße. Dabei kippten Strommasten um und wurden Telefonleitungen gekappt. Seit dem Morgen des 29. Juli sucht Maher nach Leuten, die unsere Telefonleitungen reparieren können. Aber die Mitarbeiter der Telefongesellschaft sind nicht aufzutreiben und als Laie kann man viel improvisieren, aber kein kaputtes Telekommunikationsnetz reparieren.

Um wieder Strom im Haus zu haben, hat Maher sich auf die Suche nach einem Generator gemacht. Da alle 1,8 Millionen Menschen im Gazastreifen derzeit keinen Strom haben, ist es nicht gerade einfach, jetzt einen Generator aufzutreiben. Irgendwie hat er es aber geschafft und anschließend an einer Tankstelle Benzin in Kanister und Wasserflaschen gefüllt. Er kennt den Besitzer der Tankstelle und hat dort anschreiben lassen. Jetzt knattert der Generator und ich kann wieder Texte zu Hause schreiben. Versenden muß ich meine Texte aber weiterhin aus dem Restaurant eines Hotels, dem einzigen Ort mit Internet im Gazastreifen.

Auf unserem Balkon und auf unserem Hof stapeln sich die Mülltüten, weil seit Beginn des Krieges am 8. Juli keine Müllabfuhr mehr kommt. Der Müll stinkt und weiße Würmer krabbeln von einer Tüte in die andere. Es ist einfach nur eklig. Aber wohin mit dem Müll?

Zumindest in unserem Viertel bin ich inzwischen schon bekannt als "der deutsche Journalist", der seit zwei Wochen Interviews führt mit Überlebenden und Augenzeugen von Bombardierungen auf Zivilisten und mutmaßliche Kriegsverbrechen dokumentiert. Aufgrund der mangelhaften Stromversorgung kann ich leider nicht umgehend alle Interviews transkribieren, übersetzen und veröffentlichen. Aber seid versichert, ich arbeite daran. Wir verbringen so viel Zeit damit, unser Überleben zu sichern, den Mangel zu beheben, ums Überleben zu kämpfen, daß ich nicht so produktiv sein kann, wie ich mir dies wünschte.     

Ich habe einen Händler interviewt, dessen Söhne Mohammed und Husam in seinem Lieferwagen bombardiert wurden und sofort tot waren. Ich habe mit dem Inhaber eines kleinen Lebensmittelgeschäftes gesprochen, dessen zwei Kleinkinder auf dem Dach des Hauses Ball spielten und von F16-Kampffugzeugen bombardiert wurden. Beide waren sofort tot. Es ist nur zwei Väter von vielen, die in diesen Tagen um ihre ermordeten Kinder weinen. Und die Welt schaut zu. Ohne dagegen vorzugehen. Niemand steht in den Menschen von Gaza bei. Sie werden abgeschlachtet in ihrem Freiluftgefängnis, dem sie nicht entrinnen können.

Wann immer wir mit dem Auto zu bombardierten Wohnhäusern und öffentlichen Einrichtungen im Gazastreifen unterwegs sind, wann immer wir in die Flüchtlingslager fahren, ist der Tod unser ständiger Begleiter. Überall kann plötzlich und ohne Vorwarnung bombardiert werden, auch fahrende Autos werden von Raketen getroffen. Wir sehen die ausgebrannten Autos am Straßenrand. Sobald ich es schaffe, lade ich die Fotos hoch.

Gestern nacht wurde die Shafi Moschee in Gaza Stadt, die 8000 Betenden Platz bietet, sieben oder acht Mal, die Angaben von Augenzeugen sind unterschiedlich, von F16-Kampfjetzs bombardiert. Das Gotteshaus, ein Gemeindesaal, eine Bibliothek und ein Sportplatz wurden verwüstet und fehlen nun. Auch wurden der Bürgermeister von Beit Lakhia und seine Familie in ihrem zu Hause bombardiert und getötet. Dies ist ein Krieg gegen die Zivilisten, auf die Infrastruktur des Gazastreifens und gegen die wichtigen Funktionsträger der öffentlichen Hand. Das sagen die Menschen in Gaza, das sage ich.

 Ein Mädchen, das in die dritte Klasse geht, wohnt im Haus neben der Shafi Moschee und wurde bei den Angriffen verletzt. Sie ist verstört und traurig. Sie sagt zu mir: "Alle Israelis [die uns so etwas an tun, Anmerkung des Autors] mögen in der Hölle schmoren." Das Interview mit dem Mädchen habe ich gefilmt, auf YouTube hochgeladen und auf meinem Tumblr-Blog verlinkt. Eine deutsche Übersetzung kommt am Ende des Videos.

"Die Menschen, die jetzt in Tel Aviv oder in Eilat am Strand liegen, in den Cafés sitzen und lachen, in der Disco tanzen, die jetzt im Paradies leben, die werden am Jüngsten Tag in die Hölle kommen. Die Menschen, die jetzt in Gaza Tagein Tagaus zu Wasser, zu Boden, zu Luft bombardiert werden, die sich in ihren Wohnungen verbarrikadieren, nicht mehr das Tageslicht sehen, kein Strom, kein Wasser und kein Brot mehr haben, die Menschen in Gaza, die die Hölle auf Erden erleben, die werden am Jüngsten Tag ins Paradies kommen", sagt Maher.

Sonntag, der 3. August 2014