Gaza-Stadt, am Freitag, dem 1. August 2014

"Die Hamas tut alles was sie kann, um die Bevölkerung von Gaza vor den Angriffen der israelischen Armee zu beschützen. Die Kämpfer der Hamas verteidigen uns. Die Kämpfer der Hamas sind unsere Söhne. Sie sind die Söhne Palästinas. Sie sind die Helden Palästinas. Die gefallenen Kämpfer sind Märtyrer", sagt Iyad, 23, Student der Wirtschaftswissenschaften an der Al-Azhar Universität in Gaza-Stadt. Iyad ist ein Anhänger der Fatah, seine Al-Azhar Universität steht der Fatah nahe. "Die Hamas erbringt viele Opfer, um unser Heimat zu verteidigen", erklärt Iyad und fügt hinzu, daß alle Menschen in Gaza stolz seien auf die Kämpfer der zur Hamas gehörenden Brigaden. Seit dem Beginn der Angriffe auf Gaza am 8. Juli sind mehr als 1.400 Menschen in Gaza gestorben, laut UN-Angaben 80 Prozent von ihnen Zivilisten.

Die Zahl der komplett zerstörten Wohnhäuser beträgt über 10.000. Es gibt keine Versorgung mehr mit Strom, Wasser und Telekommunikation. Und trotzdem sind die Palästinenser nicht kriegsmüde. "Wir werden den Widerstand der Kämpfer unterstützen, egal wie viele Zivilisten Israel dafür toten wird", sagt Hassan (Nachname dem Autor bekannt), 42, ein Ingenieur aus Gaza-Stadt. Auch er gehört der Fatah an. Für diesen Artikel war es leider nicht möglich, mit Anhängern der Hamas im Gazastreifen zu sprechen. "Wir geben derzeit keine Interviews", heißt es auf entsprechende Anfragen vor Ort in Gaza. Auf öffentliche Stellungnahmen der Kader in Qatar wird verwiesen. Dort sprach heute Osama Hamdan mit Al Jazeera und verurteilte die hohe Zahl an zivilen Opfern.

Hassan, der wie jeder Palästinenser jeden Tag von früh bis spät die Nachrichtenlage verfolgt und gern über Politik diskutiert, würdigt die militärischen Erfolge der Hamas in diesem Krieg. "Man sieht an der Zahl im Kampf getöteter israelischer Soldaten, daß die Kämpfer der Hamas gut ausgebildet und ausgerüstet sind."

Daß die Hamas Menschen als Schutzschilde verwende, um israelische Angriffe abzuwehren, daß sei israelische Propaganda, beteuert Hassan. Der Islam verbiete so etwas. "Es ist genau umgekehrt: Die Hamas-Kämpfer stehen in der ersten Reihe an der Front des Krieges zwischen den auf dem Boden immer weiter in den Gazastreifen vorrückenden israelischen Streitkräfte und der Bevölkerung. Die Kämpfer der Hamas riskieren ihr Leben, um die Zivilbevölkerung vor dem Feuer der vorrückenden israelischen Armee zu verteidigen", erklärt Hassan.

Über 250.000 Menschen haben ihre Häuser an der Front verlassen, um vor den Kämpfen zu fliehen. Ibrahim, 39, einer der Flüchtlinge, erzählt: "Als wir später in unsere Häuser zurückkehrten, um Kleidung zu holen, reagierten die Hamas-Kämpfer ungehalten und schickten uns weg. Sie sagten: Ihr habt hier nichts zu suchen an der Front. Wir waren froh, daß ihr weg gegangen seid, damit wir in Ruhe kämpfen können."

Die im Gazastreifen allgegenwärtige Propaganda der Hamas in Form von Postern und Plakaten auf den Straßen und in Form von martialischen Filmen und den Widerstand verherrlichenden Gewaltvideos im Fernsehen, sage die Wahrheit und gebe die Erfolge des Widerstands wieder, glaubt Iyad. "Wir haben in den letzten Wochen so oft erlebt, daß sich Stellungnahmen der Hamas bezüglich der Bekanntgabe militärischer Erfolge als wahr herausstellten, obwohl Israel diese Communiqués zum Teil bis zu drei Tage lang geleugnet hat, bis sie ihre Mißerfolge nicht mehr vertuschen konnten. Daher glauben wir eher der Verlautbarungen der Hamas als denen der israelischen Streitkräfte."

Auch über die Tunnel vom Gazastreifen nach Israel wird viel gesprochen, geradezu geschwärmt. "Diese Tunnel sind eine großartige Leistung des Widerstands und ein wirksames Instrument, um den Feind großen Schaden zuzufügen", sagt Hassan. "Die Tunnel verleihen der Hamas taktische Vorteile, gegen welche die israelischen Streitkräfte noch wirkungslos sind. Sie haben dagegen noch kein wirkliches Mittel gefunden. Die durch die Tunnel ausgeführten Schläge gegen Israel sind eine Niederlage für die angeblich beste und modernste Armee der Welt, die vor primitiv gebuddelten Tunneln kapituliert", bewundert Hassan die Fertigkeiten der Hamas.

Auf der außenpolitischen Ebene aber unterlaufen der Partei jedoch schwere Fehler, urteilt der Ingenieur. Die Hamas hat die Unterstützung der Hisbollah im Libanon verloren und sich mit dem Regime in Syrien verkracht, weshalb ihre Führer, die sich Jahrzehntelang in Damaskus aufhielten, nun in Qatar residieren. Die Beziehungen der Hamas zum Iran kriseln, sind aber noch vorhanden. Daß sich die Hamas mit Qatar und der Türkei eingelassen habe, kritisiert Hasan. "Das ist der strategisch falsche Weg. Die derzeit guten Beziehungen Qatars und der Türkei zur Hamas dienen kurzfristigen taktischen Interessen dieser beiden Länder. Beide Staaten werden die Hamas nicht bis zu ihrem Ziel, der Befreiung Palästinas unterstützen", prognostiziert Hassan. Solange Qatar ein enger Verbündeter der USA bleibe und dort die Kommandozentrale der US-Streitkräfte stehe und die Türkei als Mitglied der NATO ebenfalls ein militärstrategischer Partner der USA bleibe, könne man diesen Staaten nicht trauen, da die USA Israel unterstützen. "Der Iran, die Hisbollah und Syrien sind unsere einzigen verläßlichen Partner für den bewaffneten Widerstandskampf gegen Israel bis zu seinem bitteren Ende", analysiert Hassan.

Viele Stimmen im Gazastreifen werfen der Hamas wirtschaftspolitisches Versagen auf der ganzen Linie vor. Die Armut ist groß, die Arbeitslosigkeit bei 80 Prozent, eine Besserung der Lage nicht in Sicht. Auch innenpolitisch gehen von der Hamas schon lange keine neuen Impulse mehr aus. Zwar ist die innere Sicherheit recht stabil, die Kriminalitätsrate niedrig, aber das ist vor allem auf die starken Mechanismen der sozialen Kontrolle in dieser Gesellschaft und auf die hohe Diszipliniertheit der Menschen im Kriegszustand zurückzuführen.

Vor allem im Kampf gegen den ausufernden Drogenhandel im Gazastreifen, den zivilgesellschaftliche Initiativen gemeinsam mit den Sicherheitsbehörden führen, zeigt sich die Schwäche der Hamas. "Der Drogenhandel zu einer ernst zu nehmenden Bedrohung für die gesamte Gesellschaft geworden", erklärt der Student Iyad. Die Sorgen und Nöte der Bevölkerung seit Beginn des Embargos des Gazastreifens vor acht Jahren und viele Palästinenser erliegen offenbar der Versuchung von Rauschmitteln. Vor allem der Handel mit Tramal blüht. Die Hamas brüstet sich zwar in ihren Reden damit, den Drogenhandel zu bekämpfen, aber sie ist machtlos dagegen. Auch gibt es zu wenig therapeutische Einrichtungen und zum Beispiel keinen Beauftragten für Suchtprävention. "Wie soll die Hamas während des Embargos die Ursachen bekämpfen, die zum Drogenkonsum verleiten, die Armut, Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit?", fragt Iyad.

Doch die offen ausgesprochene Kritik der Bevölkerung an der Innen- und Außenpolitik der Hamas ist in Zeiten dieses Krieges zweitrangig. Der Krieg knüpft ein enges Band zwischen der Hamas, der Zivilbevölkerung des Gazastreifens und der Opposition gegen die Hamas.

Die Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP) ist die stärkste Oppositionspartei gegen die Hamas im Gazastreifen, seitdem Fatah und Hamas Anfang Juni diesen Jahres eine gemeinsame Regierung gebildet und Neuwahlen angekündigt haben. Vor ein paar Monaten demonstrierten Oppositionsparteien wie die PFLP noch auf den Straßen des Gazastreifens gegen die Hamas, seit Beginn der israelischen Offensive am 8. Juli kämpfen bewaffnete Gruppen der PFLP und der Hamas jedoch Seite an Seite gegen die israelischen Streitkräfte im Gazastreifen. "Während eines solchen Angriffes von Seiten Israels entschließt sich die Bevölkerung dazu, nicht gegeneinander zu protestieren, sondern zusammenzuhalten und gemeinsam Widerstand zu leisten", erläutert Mahmoud Abu Rahma, Direktor des unabhängigen Al Mezan Zentrums für Menschenrechte in Gaza Stadt, das mutig die Menschenrechtsverstöße aller politischen Parteien und ihrer bewaffneten Arme im Gazastreifen beobachtet.

Neben der PFLP und der Hamas kämpfen zur Zeit auch bewaffnete Gruppen der Partei des Islamischen Dschihads und der Demokratischen Front zur Befreiung Palästinas (DFLP) an der Front gegen die Zahal. Die marxistisch-leninistische PFLP und die leninistische DFLP, die sich von 1968 nach heftigen internen Grabenkämpfen von der PFLP abgespalten hat, verfügen über weitaus kleinere Kampfverbände als die Hamas und der Islamische Dschihad. In Gaza kämpfen aber auch bewaffnete Gruppen, die ihre Zugehörigkeit zur sozialistischen Fatah erklären. Der PLO- und Fatah-Führer und Präsident der palästinensischen Autonomiebehörde, Mahmoud Abbas, distanziert sich in Ramallah nachdrücklich von bewaffneten Gruppen, die derzeit im Gazastreifen im Namen der Fatah kämpfen.

 

"Die Kämpfer der Hamas sind unsere Söhne."

Gaza-Stadt, am Freitag, dem 1. August 2014