Sahar Khalifa wurde 1941 in Nablus, Palästina, geboren. Mit achtzehn Jahren ging sie eine traditionelle Ehe ein, die dreizehn Jahre dauerte. Nach ihrer Scheidung widmete sie sich der Literatur. Sie arbeitete als Dozentin an der Universität Bir Zeit. Sahar Khalifa lebt in Amman und Nablus; sie ist Mutter von zwei Töchtern.

Die Hauptthemen ihrer Werke sind die israelische Besatzung, die Veränderung der palästinensischen Gesellschaft und die Lage der palästinensischen Frauen. Aus einem ihrer bekanntesten Büchern.

 

 

 

 

 

Werke:

  • Der Feigenkaktus
  • Die Sonnenblume
  • Erinnerungen einer unrealistischen Frau
  • Das Tor zum Feld Das Erbe
  • Bild, Ikone und Altes Testament
  • Heißer Frühling
  • Erste Liebe

 

Der Feigenkaktus

Am Straßenrand standen dicht die Malvenstauden, ihre Blätter warfen samtene Schatten auf die staubige Erde. Vor den gewaltigen Baracken, die den Eingang ins besetzte Gebiet markierten, fehlte auch die kleinste Pflanze. Kundige Hände hatte die Frühlingsdecke entfernt, aus Furcht vor dem Eindringen von Unerwünschten. Aus Sorge, irgendwelche Kreaturen könnten sich einschleichen und die Sicherheit des Staates erschüttern. In einem hölzernen Wachhäuschen, das von einer Hecke umgeben war, stand ein Posten. Er streckte seine behaarte und sommersprossige Hand aus. Kniff seine mit kurzen roten Wimpern umrandeten Lider zusammen und gähnte. "Passierschein". Anfangs fuhr das Auto langsam. Dann raste es wie verückt davon. Durch ein kleines Seitenfenster vorne pfiff es störend, was aber niemand wahrnahm.

Jeder war ins Reich seines Schweigens versunken. Abu Mohammed hielt Usama eine Packung Kent hin: "Bitte sehr." "Danke. Ich rauche keine imperialistische Zigaretten." "Das sind Kent. Schau doch! Nimm schon eine, was man hat, hat man. Sie haben mir zwei Stangen weggenommen, diese ... Eine Schachtel haben sie mir gelassen, aber erst haben sie noch siebzehn von den zwanzig zerbrochen. Sie hatten Angst, es sei etwas anderes als Tabak drin. Nimm! Eine für dich, eine für mich und eine für Chaled." Überrascht fragte Usama: "Chaled raucht amerikanische Zigaretten?" "Auch israelische. Nimm! Rauch! Rauch! Die Schachtel Alia ist von zwölf auf dreiundzwanzig raufgegangen." Der Fahrer, hatte, wie üblich bei Fahrern, zugehört und mischte sich nun ein. "Weißt du, wieviel die Firma für ein Päckchen Alia kriegt? Sechs Piaster, Onkel. Die restlichen siebzehn sind "Schutzabgaben". Wir zahlen und sie kaufen Waffen, um uns damit zu schützen. ..."

Abu Mohammed nickte zustimmend mit seinem großen Kopf und fuhr fort: "Ich rauch jetzt El-Al." "Israelische Zigartten?" fragte Usama entsetzt. "Ich eß israelischen Reis, israelisches Mehl, israelischen Zucker. Unmittelbar nach ihrer Ankunft in Eilat verlieren die Waren ihre Nationalität. Wir bezahlen die Waren doppelt. Einmal für die ursprüngliche Nationalität, einmal für die neue." "Und ihr zahlt?" Der Fahrer haute aufgebracht aufs Lenkrad. "Genau! Wir zahlen die Nutte und ihre Schwester." Usama starrte in den kleinen Rückspiegel vor dem Fahrer. Er blickte wütend in den stumpfen Augen des Mannes. Was ist geschehen mit diesen Leuten? Hat das die Besetzung aus ihnen gemacht? Wo ist der Geist des Aufbegehrens? Wo der Widerstand? Und plötzlich brach es aus ihm hervor: "Wo ist der Widerstand?"

Der Fahrer lachte höhnisch. "Das ist für die, die dafür bezahlt werden." ... Einer der Fahrgäste platzte vor Zorn. Er begann so tiefschüfernd zu predigen, daß es den würdigen Konferenzteilnehmern in den arabischen Hauptstädten das Mark hätte erzittern lassen. Er wiederholte abgedroschene Phrasen, die nur ihm selbst das Herz schneller schlagen ließen. Er gab seiner Stimme eine feierlichen Ton, durchsetzt mit den vielfältigsten Emotionen. Er sprach von Einheit, von der arabischen Welt vom Atlantik bis zum Golf, vom revolutionären Schwung, von den Entwicklungsländern, von Vietnam - und was lehrt dich wissen, was Vietnam ist?, vom Krieg der Millionen Märtyrer, von der Chinesischen Volksrepublilk, vom Opiumkrieg, vom Fliegenkrieg. Ganz außer Atem schloß er: "Ihr sitzt hier wie die Hofschranzen des Sultans, raucht El-Al und erfindet dafür jede Art von Rechtfertigungen." Keiner reagierte. Der Fahrer betrachtete im Rückspiegel amüsiert seine erregten Gesichtszüge. Abu Mohammed wiegte den Kopf. Seine Halsadern wurden schlaff. Der Fahrgast sagte haßerfüllt: "Ihr erwidert nichts. Ihr rührt euch nicht. Ihr tut nichts anderes, als den Fortbestand der Gattung zu sichern. Tatsächlich verdient diese Gattung gar nicht solche Aufmerksamkeit. Ihr seht nicht die Zukunft. Ihr seid mit Blindheit geschlagen." Die letzten Worte ließen Usama aufhorchen. Die Gedanken überstürzten sich in seinem Kopf.

Sahar Khalifa

 

Emil Habibi wurde 1921 in Haifa im Norden Palästinas  als Sohn einer palästinensischen Familie orthodoxer Christen des Mittelstandesgeboren. Bereits früh Mitglied der palästinensischen Kommunistischen Partei geworden und wurde 1944 einer der Gründer und Führungspersönlichkeiten der Liga für Nationale Befreiung, eine Organisation, die sich ursprünglich der Schaffung eines jüdischen Staates widersetzte.

20 Jahre lang war er Abgeordneter der Knesseth, dem israelischen Parlament. Er veröffentlichte zahlreiche Romane und Essaybände.

Berühmtheit erlangte Emil Habibi nicht zuletzt 1974mit dem Roman: "Das geheime Leben von Saeed, des Pessoptimisten". Peptimist, eine Wortneuschöpfung des Autors, verbindet die Gegensätzlichkeit Optimist und Pessimist miteinander. Eine tragische Komödie, die das Leben eines Palästinensers beschreibt, nachdem er zum israelischen Staatsbürger wird.

Für sein literarisches Werk (Romane, Kurzgeschichten, ein Theaterstück) wurde Emil Habibi 1990 mit dem Al-Quds-Preis der PLO und 1992 - als erster Palästinenser - mit dem Israel-Preis für Literatur ausgezeichnet.

 

Werke:

  • Der Peptimist
  • Das Tal der Dschinnen
  • Saraya, die Tochter der Hexe

 

Das geheime Leben von Saeed, des Pessoptimisten

Das ist ein typisches Merkmal unserer Familie, die deshalb Peptimist heisst. Dieser Name ist nämlich eine Verschmelzung zweier Wörter, Pessimist und Optimist, Eigenschaften, die sich in sämtlichen Mitgliedern unserer Familie seit unserer verstossenen zypriotischen Urahnin untrennbar verbunden finden. Also nannte man uns Peptimist, und es heisst, derjenige, der uns diesen Namen gab, sei Tamerlan gewesen, und zwar nach dem zweiten Massaker von Bagdad. ...

Oder nehmen Sie zum Beispiel mich: Ich kann einen Pessimisten nicht von einem Optimisten unterscheiden und frage mich oft, was ich eigentlich bin. Wenn ich morgens aufwache, danke ich Gott dafür, das er mich nicht im Schlaf hinweggerafft hat. Und wenn mich am Tag ein Missgeschick ereilt, danke ich Gott dafür, dass mir nichts Schlimmeres zugestossen ist. Was also bin ich, ein Pessimist oder Optimist?

Meine Mutter stammte ebenfalls aus der Familie der Peptimist. Mein ältester Bruder arbeitete im Hafen von Haifa, als ein Sturm aufkam, den Kran, den er lenkte, umwarf und ihn mitsamt meines Bruders auf die Felsen im Meer schleuderte. Man las ihn zusammen und brachte ihn in Stücken nach Hause, ohne Kopf und ohne Eingeweide. Er war gerade einen Monat verheiratet gewesen, und nun sass seine junge Frau jammernd und ihr Unglück neklagend zu Hause. Meine Mutter sass bei ihr und weinte lautlos. Plötzlich sprang meine Mutter auf, schlug die Handflächen aufeinander und rief mit belegter Stimme: "Gut, dass es so undn icht anders gekommen ist!"

Niemand war besonders überrascht, ausser der jungen Frau, die ja nicht aus unserer Familie stammte und der diese Art Weisheit nicht einleuchtete. Sie verlor die Fassung und schrie meiner Mutter ins Gesicht:" Was soll das heissen: nicht anders, alte Glücklose?" (Das bezog sich auf den Namen meines seligen Vaters: der Glücklose.) "Was könnte den noch schlimmer sein?"

Mein Mutter liess sich von diesem jugendlichen Ausbruch nicht beeindrucken. Sie antwortete mit ruhiger Orakelstimme: "Zum Beispiel hättest du dich zu seinen Lebzeiten entführen lassen können, meine Tochter, wärst also mit einem anderem Mann davongelaufen." Dazu muss man wissen, das meine Mutter den Familienstammbaum in- und auswendig kennt.

Wirklich lief sie zwei Jahre später mit einem anderen Mann davon. Der erwies sich als unfruchtbar. Als meine Mutter davon erfuhr, sagte sie wie immer: "Wie sollte man da nicht Gott dankbar sein?"

Was sind wir also, Pessimisten oder Optimisten?

Emil Habibi, "Der Peptimist", Lenos Verlag 1995, Basel


 

 

 

 

Ghassan Kanafani ist im April 1936 in Akko geboren.

1948 flüchtete er mit seiner Familie in den Libanon, später nach Syrien, wo er sein Schulausbildung abschloss und einige Zeit als Lehrer in einer UNRWA-Schule arbeitete.

1956 bekam er eine Lehrstelle in Kuwait. Hier erfuhr er von seiner Zuckerkrankheit. Dort kam er auch mit dem Kommunismus in Kontakt.

1960 kehrte er nach Beirut zurück und verbrachte dort den Rest seines Lebens als Journalist.

Kanafani war nicht ein Mann, der mit der Kalaschnikoff für die Rechte seines Volkes eintrat. Seine Waffen waren seine Feder, sein Intellekt, seine Wortgewalt. So wurde er zu einem kämpferischen Sprecher seines Volkes im Exil. Er war also ein "gefährlicher" Mann.

1961 heiratete er Anni Honer, eine dänische Lehrerin, aus der Ehe gehen 2 Kinder hervor. Am 8. Juni 1972 wurde Kanafani zusammen mit seiner 16-jährigen Nichte Lamis Nadschm durch eine an seinen Wagen angebrachte Bombe ermordet. Urheber des Attentats war der israelische Geheimdienst, der diese Aktion als "Anti-Terror-Maßnahme" rechtfertigte.

 


Werke:

  • Das Land der traurigen Orangen
  • Männer in der Sonne
  • Rückkehr nach Haifa
  • Bis wir zurückkehren 

 

"Über die Grenzen hinaus"

...Ihr habt versucht, mich auszulöschen. Unermüdlich, unverdrossen habt ihr euch darum bemüht. Täusche ich mich, wenn ich sage, dass ihr dabei nicht gerade viel Glück gehabt habt? Ganz sicher nicht. Aber dafür ist euch etwas anderes in phantastischer Weise gelungen, oder haben Sie noch nicht bemerkt, dass ihr mich mit aller Macht dahin gebracht habt, dasss ich aus einem Menschen zu einem fortdauernden Zustand geworden bin? Ja, ich bin ein Zustand, nie war ich mehr , und nie werde ich weniger sein, denn ich bin ein Zustand. Wir sind ein Zustand, werden ihm in verblüffender Weise immer noch ähnlicher. Eine grossartige Arbeit, mein Herr, wirklich wunderbar, wenn sie auch ihre Zeit brauchte. Aber wissen Sie, eine Millionen Menschen gemeinsam aufzulösen, aus ihnen eine einzige, vereinte Sache zu machen,das ist wirklich keine leichte Arbeit. Ich bin überzeugt, dass man sich auch dank Ihrer gütigen Erlaubnis so viel Zeit genommen hat. Nun aber habt ihr es geschafft, dass jeder einzelne dieser Millionen Menschen seine eigene, ihm eigentümliche Eigenschaft verloren hat. Da müßt ihr also nicht mehr unterscheiden und sortieren. Ihr steht jetzt einem Zustand gegenüber: wollt ihr ihn als Diebstahl bezeichnen, nun, dann sind eben alle Diebe. Verrat vielleicht? Dann sind alle Verräter. Wozu noch all die Mühe und Last und die verwickelten menschlichen Betrachtungen von ehedem?...

...Überdies, mein Herr, bietet unser Unternehmen auch noch andere günstige Dienste an. Wir sind beispielsweise hervorragend dafür geeignet, andere eine Lektion zu erteilen. Schwierige, verwickelte politische Probleme? Na, dann geh gegen die Lager vor, sperr ein paar Flüchtlinge ein, am besten alle, wenn du kannst. So kannst du deinen Untertanen Zucht und Ordnung beibringen, ohne ihnen Schaden zuzufügen. Warum willst du ihnen schaden, wenn du eine besondere Gruppe hast, die ihnen zur Erfahrung dienen kann?...

...Aber da ist ein kleines Problem, mein Herr, das mich nicht schlafen lässt und über das ich unbedingt noch reden muss. Es geht dem Menschen doch oft so, dass er, wenn er sich in die Ecke gedrängt fühlt, zu fragen beginnt: "Wie nun weiter?" Entdeckt er dann, dass er gar kein Recht auf die Frage nach dem "weiter" hat, geschieht manchmal etwas sehr Hässliches - so etwas wie Wahnsinn befällt ihn. Da sagt er sich dann ganz leise: "Was ist das für ein Leben! Lieber den Tod!" Nach wenigen Tagen aber fängt er an zu schreien: "Was ist das für ein Leben! Lieber den Tod!" Schreien, mein Herr, ist ansteckend. Und so rufen alle wie aus einem Munde: "Was ist das für ein Leben! Lieber den Tod!"...

Ghassan Kanafani,  1962


 

"Der Horizont hinter dem Tor"

...Warum sollte er ihr nicht berichten, wie die Zionisten in Akka eindrangen und was dann geschah. Er war im Zimmer, als vor seinen Augen die Hölle losbrach. Mit anderen hatte er sich zurückgezogen, als sich die Dunkelheit über Akka senkte. Sein kleines Gewehr hatte alles, was darin war, ausgespuckt und sich in ein Stock verwandelt, einen dürren Stock, zu nichts mehr zu gebrauchen. Er ging in sein Zimmer und nahm Dallal in den Arm, die angesichts des Entsetzens, das sich über die Stadt gebreitet hatte, weinte. Dann, bevor er sich dessen gewahr wurde, barst die Tür. Eine Salve ging los; ein Kugel- hagel ergoss sich über das Zimmer. Als sich der Rauch verzogen hatte, sah er vier Männer, die vor seinen Augen die hölzerne Zimmertür verbarrikadierten; doch er rührte sich nicht. Dallal lag zuckend in ihrem Blut; sie röchelte noch einige Male. Als er sie an die Brust drückte, als wolle er ihr sein Herz und sein Blut geben, blickte sie ihn an. Dann zog sie die Brauen hoch und wollte etwas sagen. Doch der Tod kam ihr zuvor. Hatte er geweint? Heute erinnerte er sich an nichts mehr; nur noch daran, dass er seine tote Schwester auf die Arme nahm, mit ihr auf die Strasse rannte, sie den Passanten unter die Augen hielt, um sie um ihre Tränen zu bitten - so als ob seine Tränen allein nicht genügten. Er wusste nicht mehr, wann es den Leuten gelang, den toten Körper seinen Armen zu entwinden. Doch er wusste noch, dass ihn, als er seine tote Schwester verloren hatte, als ihm ihr steifer, kalter Körper genommen worden war, das Gefühl überkam, alles verloren zu haben: sein Land, seine Familie, seine Hoffnung. Jetzt war es ihm gleichgültig, sollte er auch sein eigenes Leben verlieren. Von da an begann er umherzuziehen, verliess sein Land und floh vor dem Schicksal, das ihm so hart zugesetzt hatte.

Wenn er all dies erzählte, würde die grosse Lüge getilgt, die er zehn Jahre lang aufgebaut hatte, und seine Mutter würde plötzlich erfahren, das Dallal tot ist, seit zehn Jahren, und dass ihr Sohn sie dieses ganze Zeit über angelogen hatte, wenn er immer wieder und unermüdlich denselben kalten Satz durchs Radio hatte übermitteln lassen: "Dallal und mir geht es gut. Lasst uns hören , wie es euch geht. Wir machen uns Sorgen!" Er stand auf, ging ans Fenster, zog die dunklen Vorhänge beiseite und blickte auf die Strasse hinab...Er musste sie von der Lüge befreien und er musste sich selbst von diesem dunklen Schicksal befreien, das auf ihm ganz allein lastete. Er musste ihr sagen, dass Dallal dort begraben war und dass er niemanden fand, der an Festtagen einen Blumenstrauss auf ihr kleines Grab legte, und dass sie, ihre Mutter, nur einen Katzensprung vom Grab ihrer geliebten Tochter entfernt wohnte, das zu besuchen ihr nicht möglich war.

Ghassan Kanafani, Kuwait 1958


 

"Damals war er ein kleiner Junge"

...Sie fielen in den Graben. Ihre Gesichter und ihre Hände versanken im Schlamm. Sie lagen übereinander, ein einziger, grosser, blutdurchtränkter Haufen. Unter ihren Körpern lief das rote Blut wie ein Faden hervor, sammelte sich und floss mit dem Wasser nach Süden. Der fette Mann wandte sich dem Junge zu, beugte sich ein wenig hinab und zog ihn schmerzhaft am Ohr: "Hast du's gesehen? Merk's dir gut und erzähl es weiter..." Dann richtete er sich wieder auf, schlug dem Jungen mit seinem Stock auf den Rücken und stiess ihn nach vorn: "Los, hopp, renn so schnell du kannst. Ich zähl bis zehn. Wenn du dann noch nicht weit genug weg bist, schiess ich auf dich." Im ersten Augenblick konnte es der Junge nicht fassen. Zwischen dem Graben und der jungen Frau mit den nackten Beinen stand er wie angewurzelt da- reglos wie die Bäume um ihm herum. Sein Mund stand offen und gab die schadhaften Zähne frei. Im nächsten Moment folgte ein weiterer Schlag mit dem schwarzen Stock. Er glaubte, die Haut werde ihm abgeschunden. Da gabe es für ihn nichts anderes mehr, als Hals über Kopf davonzulaufen.

Die Strasse vor seinen Augen verschwamm hinter einem Schleier aus Schwindel und Tränen. Dennoch drang ihr drönendes Lachen an sein Ohr. Da blieb er stehen. Er wusste nicht wie und warum. Doch er blieb stehen. Steckte seine Hände in seinen Hosentaschen und ging mit ruhigen festen Schritten weiter, mitten auf der Strasse, ohne sich umzusehen. Und er begann, langsam vor sich hinzuzählen: "Eins, zwei, drei..."

Ghasssan Kanafani,  Beirut 1969

Exil und Vertreibung, Leben unter israelischer Besatzung und in Flüchtlingslagern, schwieriges Heimischwerden in der Fremde und die Frage nach der Identität des einzelnen, Verfolgung und Massenvernichtung durch die israelische Kriegsmaschinerie. In dieser Situation stehen die Schriftsteller an der Seite des arabischen Volkes von Palästina, das um sein Land und die Verwirklichung seines Rechtes auf Selbstbestimmung kämpft.

Vielstimmig sind die Texte, Themen Konflikte, manche Texte wählt die Form der Legende und des Märchens. Allen gemeinsam ist die menschliche Ausstrahlungskraft der Literatur eines Volkes, das nicht nachlässt in der Frage nach der Gestaltung seiner eigenen Zukunft.