Präsident Y. Arafat الرئيس ياسر عرفات

Mit Arafat begruben viele Palästinenser ihre Hoffnung

Jassir Arafat war und ist für die Palästinenser die unbestrittene Symbolfigur - auch ein Jahr nach seinem Tod. Mit Arafat hätten die Palästinenser ihre Orientierung verloren, meinen Experten. So ist auch nicht verwunderlich, dass sich die These von der Ermordung ihres einstigen Präsidenten hartnäckig hält.

Ein kalter Wind peitscht über den Platz vor der Mukata, dem Amtssitz des palästinensischen Präsidenten in Ramallah. Hier liegt Jassir Arafat begraben. Halbverwelkte Kränze schmücken die Grabstätte. Drei Uniformierte bilden die schweigende Ehrenwache. Eine grüne Plastikplane markiert die Umrisse des Mausoleums, das hier gebaut werden soll, um dem Gedenken an die Symbolfigur der palästinensischen Nationalbewegung einen würdigen Rahmen zu verleihen.

Im Moment jedoch ist niemand hier. Nur ein Jahr nach seinem mysteriösen Tod scheint Arafat bereits vergessen zu sein. Oder vielleicht sind die Menschen auch einfach nur sehr mit ihren eigenen Sorgen beschäftigt, um an das Grab ihres verstorbenen Präsidenten zu gehen. So wie Um Majdi, eine etwa 45-jährige Frau, deren Sohn seit fast zwei Jahren ohne Anklage in einem israelischen Gefängnis sitzt: "Arafat möge in Frieden ruhen. Ich bin die Mutter eines Märtyrers und eines Gefangenen und hoffe, dass Machmud Abbas sich um das Problem der Gefangenen kümmert."Das vergangene Jahr seit Arafats Tod hat für sie selbst und die anderen Palästinenser keine Verbesserung ihrer Lage gebracht. "Es hat sich nichts geändert", erzählt Madji. "Mein Sohn ist immer noch im Gefängnis, wir sind immer noch arm."

Mit Arafat verloren viele Palästinenser die Orientierung
Doch ganz vergessen ist Arafat trotzdem nicht. Für den Politikwissenschaftler Hisham Achmed von der Birzeit-Universität bleibt er - bei allen Fehlern - die unbestrittene Symbolfigur der palästinensischen Nationalbewegung. Allerdings fürchtet er, dass mit Arafat die Hoffnung begraben wurde. "Ich will ihn nicht idealisieren, er war ein normaler Mann mit Stärken und mit Schwächen wie jeder andere auch. Aber er war der natürliche Führer des palästinensischen Volkes", sagt Hisham. Arafat wäre in der Lage gewesen, Frieden zu bringen und Kompromisse einzugehen. Mit seinem Tod, so die Befürchtung des Experten, "werden wir wenigstens einige Jahre lang stranguliert werden und können keine Hoffnung mehr erkennen".

Arafats Nachfolger Machmud Abbas sei es nicht gelungen, in die großen Schuhe zu steigen, die Arafat ihm hinterlassen habe. Er habe die an ihn geknüpften Erwartungen bis lang nicht erfüllt. "Machmud Abbas ist sicherlich gutwillig, aber ihm fehlen die Eigenschaften, die Arafat besaß: Arafat kannte jeden, er kannte die lokalen, die regionalen und die internationalen Mitspieler". All das fehle jetzt. "Wir Palästinenser haben wirklich die Orientierung verloren", sagt Hisham. Arafat sollte nicht idealisiert werden, mahnt der Experte. Doch man sollte ihm das zugestehen, was er verdient habe. "Mit seinem Tod - oder mit seiner Ermordung - starb eine ganze Epoche."

Mord-These hält sich hartnäckig
Wie die meisten Palästinenser ist auch Hisham Achmed fest davon überzeugt, dass Arafat ermordet wurde. Als Täter kommen für ihn nur die Israelis in Frage. Sie hätten schließlich mehrfach den Wunsch geäußert, Arafat zu töten. Auch der langjährige Arafat-Vertraute Mamdouh Nofal ist sicher: Die Israelis hätten Arafat vergiftet. Ariel Scharon habe Arafat getötet, weil er Chaos in den besetzten Gebieten erreichen wollte, so seine These. "Vorher gab es ein organisiertes Chaos unter der Führung von Arafat. Der einzige, der das Chaos organisieren konnte, war Arafat und deswegen hat Scharon ihn getötet. Er wollte ein unorganisiertes Chaos. Und das erleben wir jetzt."

Fast vier Jahrzehnte lang zählte Mamdouh Nofal zu den engsten Gefährten Arafats. Als militärischer Befehlshaber und Mitglied in den PLO-Führungsgremien folgte er Arafat von Jordanien in den Libanon und von dort nach der israelischen Invasion in das tunesische Exil. Erst im Jahr 1996 durfte er in die palästinensischen Gebiete zurückkehren. Was empfindet er heute, ein Jahr nach dem Tod des PLO-Vorsitzenden und ersten Präsidenten der Autonomiebehörde? "Es ist schwierig für mich, meine Gefühle in Worte zu fassen, denn ich habe unterschiedliche Gefühle. Ich fühle, dass wir als Palästinenser einen Führer verloren haben. Aber ich sehe auch, dass Arafat viele Probleme und Fehler hatte." Deshalb sei er auch für die Lage verantwortlich, in der die Palästinenser jetzt sind. Grundsätzlich aber habe er sich für das palästinensische Volk eingesetzt - "und daher respektiere ich ihn", so Nofal.

"Wir müssen die Militarisierung der Intifada stoppen"
Nofal hat ein Buch über Jassir Arafat geschrieben, das erst in den letzten Wochen erschienen ist. "Die Nacht, in der der Präsident gewählt wurde" ist ein sehr persönlicher Bericht von einem Mann, der den PLO-Chef jahrelang begleitet und sich dennoch seine Unabhängigkeit gewahrt hat. So wirft er Arafat vor, die Intifada, den Aufstand gegen die Besatzung, militarisiert zu haben. "Ich sagte zu ihm ganz offen: Die Militarisierung der Intifada ist das Gebiet von Scharon. Wir müssen das sofort stoppen", erzählt Nofal. "Arafat dachte, er könnte Scharon damit unter Druck setzen", sagt er weiter.

Nofals Buch ist in den palästinensischen Gebieten zu einem Bestseller geworden. Auch in Ramallah verkauft es sich gut. Im größten Buchladen vor Ort gibt es nur noch wenige Exemplare, berichtet der Verkäufer Abu Bakr. "In dem Buch von Mamdouh Nofal gibt es viele Details über Arafats Verhältnis zu den Mitgliedern des Revolutionsrates und des Zentralkomitees der Fatah. Es beschreibt auch, wie er so oft die Entscheidungen ganz allein getroffen hat. Viele Menschen wussten ja gar nicht, wie Arafat Entscheidungen traf."

Ramallah ohne Hoffnung
In Ramallah geht das Leben ein Jahr nach Arafats Tod seinen gewohnten eingeschränkten Gang. Die israelischen Kontrollposten rücken der Stadt immer näher, die Sperren werden zunehmend unüberwindbar. Das Wirtschaftsleben ist völlig gelähmt, und die Menschen werden immer ärmer. Von Hoffnung ist hier nichts zu spüren.

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