Präsident Y. Arafat الرئيس ياسر عرفات

Für Israel ist Arafat ein "Toter Mann"

Israelische Geheimdienstexperten überraschten die Öffentlichkeit Anfang der Woche mit einer unerwarteten Erkenntnis: Israel, so lautete ihre Analyse, brauche Palästinenserpräsident Jassir Arafat gar nicht ins Exil zu schicken. Denn der Druck aus den eigenen Reihen sei inzwischen so groß, dass der fast 73-Jährige das Jahresende politisch nicht überleben werde. "Arafat ist bereits ein lebender Leichnam", schrieb die Tageszeitung "Haaretz" am Mittwoch.

Um den Palästinenserführer in seinem zerstörten Hauptquartier in Ramallah ist es sehr still geworden. Nur selten verirren sich ausländische Politiker in das Mukaata-Viertel, seit US-Präsident George W. Bush jeden weiteren Kontakt mit dem PLO-Chef ausschloss und offen eine neue, reformfähige Palästinenserführung forderte. Arafats zögerliche Versuche, seine von allen Seiten als korrupt gebrandmarkte Behörde umzubauen, stieß auf viel Kritik und sogar auf offenen Widerstand.

Die Ablösung seines mächtigen Sicherheitschefs Dschibril Radschub ist praktisch am offenen Widerstand von dessen bewaffneter Truppe gescheitert. Radschub (48), dem als einzigem zugetraut wird, Arafat bei der Präsidentenwahl Anfang nächsten Jahres herauszufordern, machte zugleich deutlich, was er von seinem Präsidenten hielt. Gefragt, ob er gegenüber Arafat loyal sei, meinte er: "Ich bin und war stets loyal gegenüber der Sache der Palästinenser, und ich bin loyal gegenüber den nationalen palästinensischen Institutionen, die zur Zeit von Arafat geführt werden."

Der Parlamentarier Hussam Chader nannte die von Arafat in die Wege geleiteten personellen und strukturellen Reformen öffentlich sogar "Quatsch". Arafat habe nichts getan, um die korrupten Minister aus seinem Kabinett zu verstoßen. Allerdings wagte Chader seine Kritik nur im israelischen Rundfunk.

Die palästinensischen Medien, die wegen der israelischen Militärbesatzung zur Zeit kaum arbeitsfähig sind, schweigen sich über die Kritik am Palästinenserführer nach wie vor aus. Dennoch sind die meisten Palästinenser über die wachsende Kritik, die vor wenigen Monaten noch undenkbar schien, bestens informiert. Denn der arabische Nachrichtensender "El Dschasira", der praktisch in jedem Haushalt zu sehen ist, berichtet schonungslos über alle Entwicklungen im Palästinenserland.

Fast alle Berichte, die derzeit über den Gesundheits- und Gemütszustand Arafats verbreitet werden, stammen aus israelischen Quellen. Meist sind es die Geheimdienste der Armee, die die negativen Analysen über Arafat in die Welt setzen. Ihr Wahrheitsgehalt lässt sich durch unabhängige Quellen nicht bestätigen. Doch für die israelische Öffentlichkeit ist Arafat, der für die meisten Israelis stets der Grund allen Übels war, ohnehin ein "toter Mann".

Insgeheim, so heißt es hier, setzten sich führende Mitglieder der Autonomiebehörde bereits von ihm ab. So hält sich der frühere Sicherheitschef im Gazastreifen, Mohammed Dachlan, immer häufiger im europäischen Ausland auf. Er verzichtete, so glaubt man auch in Gaza, auf einen Kabinettsposten unter Arafat, um für den Fall eines Führungswechsels "sauber" zu erscheinen. Auch Arafats Stellvertreter Machmud Abbas und Parlamentspräsident Ahmed Kurei befinden sich im Ausland. Kurei gab bekannt, der Zeitpunkt seiner Rückkehr sei ungewiss.

Arafats "Götterdämmerung", so glauben israelische Beobachter, habe längst begonnen. Der oberste Palästinenser, der sich seit Anfang Dezember nur ein Mal für wenige Stunden aus seinem Hauptquartier gewagt hat, habe den Blick für die Realität verloren. "Arafat hat ein verzerrtes Wirklichkeitsbild", zitierte "Haaretz" einen Geheimdienstmann. Nur so sei es zu verstehen, dass er die viel kritisierte Rede Bushs gepriesen hatte, obwohl der seine Ablösung forderte.

Doch palästinensische Beobachter bezweifeln die israelische Einschätzung. Arafat, der politische Überlebenskünstler, "ist am besten, wenn er unter Druck steht", meinte ein diplomatischer Beobachter in Ramallah. Nach wie vor wage es niemand, sich ihm entgegenzustellen. Nach wie vor halte er alle politischen Fäden in der Hand.

So saß beim ersten Gespräch zwischen dem israelischen Außenminister Schimon Peres und Arafats neuem Innenminister Abdel Rasak Jechia überraschend auch der Arafat ergebene Kommunalminister Sajeb Erekat mit am Verhandlungstisch. Er habe, so hieß es in Ramallah, im Auftrag Arafats aufpassen sollen, dass der neue Mann keine Fehler macht.